Straffen gegen den Ölpreis
Zwei Notenbanken haben innerhalb von acht Tagen in denselben Schock hinein gestrafft. Die EZB hob den Einlagesatz am 10. September von 2.25 auf 2.50 Prozent, das Fed folgte am 16. September mit einem Viertelprozentpunkt auf 3.75 bis 4.00 Prozent, und in beiden Fällen ist der Preisauftrieb dominant energieseitig.
Zwei Notenbanken haben innerhalb von acht Tagen in denselben Schock hinein gestrafft. Die EZB hob den Einlagesatz am 10. September von 2.25 auf 2.50 Prozent, das Fed folgte am 16. September mit einem Viertelprozentpunkt auf 3.75 bis 4.00 Prozent, und in beiden Fällen ist der Preisauftrieb dominant energieseitig. Die europäische Zerlegung ist eindeutig: 14.3 Prozent Energieinflation gegen 2.4 Prozent Kernrate, und nach der Analyse der Notenbank selbst erklären nachteilige Energieangebotsschocks nahezu den gesamten Anstieg der Gesamtinflation der ersten Jahreshälfte. In der Schweiz liegt die Kernrate mit 0.4 Prozent tiefer als zu Jahresbeginn, obwohl die Gesamtrate auf 0.8 Prozent gestiegen ist. Wer gegen einen Angebotsschock strafft, verteuert Kredite, ohne die Ursache zu erreichen: Das Öl wird davon nicht billiger, nur die Finanzierung dessen, was mit dem Öl produziert wird.
Die Rechtfertigung liegt deshalb nicht in der Gegenwart, sondern in der Verankerung der Erwartungen. Das ist ein legitimes, aber schwaches Argument, solange die Zweitrundeneffekte fehlen, und sie fehlen bisher. Die Tariflöhne der Eurozone wuchsen im zweiten Quartal um 3.4 Prozent, bei einer Gesamtinflation von 3.3 Prozent im August bleibt real kaum etwas übrig. In den USA ist die Rechnung schon negativ: 3.10 Prozent Stundenlohnwachstum im August gegen 3.40 Prozent Teuerung. Löhne, die der Inflation nachlaufen, treiben keine Spirale, sie dämpfen die Nachfrage. Der amerikanische Fall ist gleichzeitig der einzige, in dem sich überhaupt ein binnenwirtschaftlicher Kern findet, und er ist kleiner als die Schlagzeile. Die Kernrate der Konsumentenpreise fiel im August auf 2.4 Prozent, den tiefsten Wert seit über fünf Jahren. Kernwaren, also Autos, Kleidung, Möbel, steigen um weniger als ein Prozent im Jahr, Gebrauchtwagen liegen unter dem Vorjahr, Autoversicherungen und Behandlungskosten sinken. Was bleibt, sind Dienstleistungen mit rund 3 Prozent, getragen von Wohnkosten, und auch die verlieren Tempo: 3.0 Prozent nach 3.2 Prozent im Juli.
Zählt man die Einzelposten, ergibt sich das umgekehrte Bild, und dieser Methodenunterschied erklärt, warum beide Seiten überzeugend klingen. Der Fed-Chef misst nicht an den Konsumentenpreisen, sondern am PCE-Index, dem Preisindex der privaten Konsumausgaben, den er als verbindliches Zielmass bestätigt hat. Er zerlegt ihn in seine 199 Komponenten und zählt, wie viele davon schneller als 3 Prozent teurer werden: 54 Prozent über zwölf Monate, 49 Prozent über sechs, gegen einen Vorpandemie-Durchschnitt von rund 32 Prozent. Ungewichtet ist die Teuerung also breit, und Breite heisst für eine Notenbank, dass es nicht am Öl liegt. Gewichtet nach Ausgabenanteilen kippt das Bild: Benzin allein, mit 27 Prozent Jahresteuerung, trug im August mehr als ein Drittel des monatlichen Anstiegs der Konsumentenpreise, Flugtickets verteuerten sich um 23 Prozent im Jahr, was Kerosin ist und nicht Nachfrage, und der Strassendiesel kostet seit Mitte September erstmals über 6 Dollar je Gallone, 68 Prozent mehr als vor einem Jahr, was über Transport- und Erntekosten erst noch in die Regale wandert.
Die schweren Posten der Kernrate dagegen bewegen sich kaum. Viele kleine Preise über 3 Prozent, wenige grosse Preise als Ursache: Der Entscheid vom 16. September folgt der Zählmethode, und wer zählt, misst die Symptome des Schocks, nicht seine Ursache.